"Unbekannte Anzahl an Verletzten. Fahren sie unverzüglich ihre Unterkunft an."...
 ...So oder ähnlich waren die Meldungen, die die Helfer des Technischen Hilfswerks und des Deutschen Roten Kreuzes aus Ibbenbüren erhielten. Es war Freitag, der 06.04.2001, um 17.20 Uhr, als die Alarmierung für eine Einsatzübung am Fordweg in Ibbenbüren ausgelöst wurde. Nachdem der 1. Technische Zug des THW OV Ibbenbüren seine Einsatzbereitschaft an den Einsatzabschnittsleiter gemeldet hatte, wurde ihm ein Einsatzabschnitt zugeteilt. Ein am Fordweg liegendes Einfamilienhaus war teilzerstört, zusätzlich wurde das Haus von einem von der Fahrbahn abgekommenen Auto erschüttert. Das Auto riss ein großes Loch in die Hausfassade, nachdem es eine Gartenmauer durchbrochen hatte. Während die ersten Einsatzkräfte des Deutschen Roten Kreuzes eine Verletztensammelstelle auf dem Wohnmobilparkplatz des Aaseebades errichteten, fing das THW mit dem Erkunden der Lage an der Schadenstelle an. Schon von Weitem waren die Schreie und das Wimmern der verletzten Personen zu hören. Hierbei handelte es sich um 13 Verletztendarsteller des Miementrupps aus Ibbenbüren.
 Nach einer kurzen Lagebesprechung wurde die Einsatzstelle so aufgeteilt, dass leicht zu bergende Personen zuerst versorgt und an eine Verletztenablage gebracht werden konnten.
Die sofort alarmierten Sanitäter brachten in einer Art Shuttle-Verkehr die betroffenen Personen zur Verletztensammelstelle, an der sie von Ärzten gesichtet und weiter behandelt wurden.
Unterdessen war die 1. Bergungsgruppe des THW im Inneren des Hauses zu weiteren Verletzten vorgedrungen. Ein junger Mann lag mit einer schweren, offenen Beinverletzung in einem scheinbar leicht zugänglichen Raum. Dies war aber wirklich nur der Anschein. Bei genauerem Hinsehen befand sich im Türrahmen kein Sturz mehr und die alte Holzbalkendecke gab bereits an einigen Stellen nach. Hier fingen sofort einige Helfer an, die Decke mittels Gerüstbausatz und Stahlstützen, die zur mitgeführten Ausrüstung gehören, auszusteifen. Im Außenangriff befand sich die 2. Bergungsgruppe. Sie gelang mit Steckleitern in das Obergeschoss des Gebäudes. Da das komplette Treppenhaus in sich zusammengefallen und in den Kellerraum abgerutscht war, ließ sich keine andere Bergungsmethode realisieren. Die dort aufgefundenen Personen wurden sofort versorgt. Eine der Beiden steckte mit einem Bein in der mürben Decke und konnte sich nicht aus eigener Kraft befreien. Sie wurde, nachdem der Raum mit Holzplatten ausgelegt war, um die Helfer gegen ein eventuelles Abstürzen zu sichern, aus ihrer Zwangslage befreit, und anschließend mit einem Schleifkorb aus dem Gefahrenbereich transportiert. Als nun alle Verletzten, die unter leichtem Arbeitsaufwand befreit werden konnten, an der Verletztenablage betreut wurden, begann man zu den im Keller befindlichen Personen vorzudringen. Nach dem Erdbeben waren hier Wasserleitungen gebrochen und Stromleitungen gerissen. Dies stellte eine lebensbedrohliche Situation dar, die von drei Anwohnern nicht rechtzeitig erkannt worden war. Sie erlitten schwere Brandverletzungen und konnten sich, da die Treppe eingestürzt war, nicht aus eigener Kraft befreien. Nur eine Einsatzkraft konnte durch das kleine Kellerfenster Kontakt mit den betroffenen Personen aufnehmen. Da noch nicht sichergestellt war, dass der Strom von den Versorgungsunternehmen abgeschaltet worden war, durften keine Einsatzkräfte den Raum betreten. Durch das eingeschlagene Kellerfenster wurde den Verletzten Mut zugesprochen und man versuchte, sie zu beruhigen.
 Erst nach geraumer Zeit kam von der Einsatzabschnittsleitung "Strom aus", so dass der Keller betreten werden konnte. Während der ersten Maßnahmen zur Bergung der Personen, brach aus ungeklärter Ursache ein Feuer im Nachbarraum aus. Versuche, das Feuer mit einem Feuerlöscher zu bekämpfen, schlugen fehl. Falscher Ehrgeiz einiger Rettungskräfte hatte zur Folge, dass zwei eingesetzte Helfer bei den Löschversuchen durch die starke Rauchentwicklung verletzt wurden und für den weiteren Einsatz ausfielen. Sie wurden mit Rauchvergiftungen zur ärztlichen Behandlung abtransportiert. Erst nach dem Einsatz von Pressluftatmern konnten die drei schwer verletzten Zivilisten dem DRK übergeben werden. Auch jetzt erst konnte man der Einsatzleitung durch den Einsatz weiterer Feuerlöscher einen Erfolg bei der Feuerbekämpfung melden. Eine weitere Herausforderung an die Helfer des THW war die Rettung zweier Personen, die sich während des Erdbebens auf dem Dachboden des Hauses befunden hatten. Die durch das Beben gebrochenen und heruntergefallenen Balken trafen die eine Person am Rücken so hart, dass durch die anwesenden Sanitäter eine Wirbelsäulenverletzung festgestellt wurde. Daraufhin ordneten sie einen schonenden waagerechten Transport an. Dazu wurde am Giebel des Hauses ein Mauerdurchbruch erstellt, um mittels eines Leiterhebels, eine Konstruktion aus Leiterteilen und einem Schleifkorb, die Personen aus dem Haus zu retten. Weil der Einsatzleiter vermutete, dass die Rettung noch länger andauern würde und er keine genauen Angaben hatte, wieviel Personen sich noch im Haus befanden, ließ er eine Beleuchtung aufbauen.
Zum Glück wurden keine weiteren Personen an der Schadenstelle gefunden. Damit man dies mit 100%iger Sicherheit sagen konnte, schickte der Gruppenführer der 1. Bergungsgruppe seine Trupps mit dem Auftrag jeden Stein noch einmal umzudrehen und jeden Hohlraum zu durchleuchten durch das Gebäude.
 Um 22.45 Uhr wurde der Befehl gegeben, alle Materialien rückzurüsten und zu verlasten.
Kurze Zeit später hieß es dann aufsitzen und abrücken zum Verbandplatz, wo das DRK bereits mit Würstchen und Kartoffelsalat auf die erschöpften Helfer wartete. Nach einer kurzen Einsatznachbesprechung wurde die Einsatzbereitschaft in der Unterkunft wiederhergestellt und alle Helfer konnten in den verdienten Feierabend entlassen werden.
Diese Übung war eine super Sache und trotz der großen Strapazen, die die Helfer auf sich genommen hatten, kam den Organisatoren keine nennenswerte Kritik zu Ohren. Daraus schließen wir, dass alle Helfer motiviert sind, im Ernstfall ihre Freizeit zu opfern, um Menschen zu helfen, und solche Aktionen als Training für den Einsatzfall sehen. Toll war auch die Zusammenarbeit zwischen den beiden an der Übung beteiligten Organisationen.
Wie bei allen Veranstaltungen gibt es auch hier Namen zu nennen, ohne die diese nie hätte durchgeführt werden können. So gilt der besondere Dank der Familie Richter, die Ihr altes Haus freundlicherweise vor dem Abriss dem THW zur Verfügung gestellt hatte. Ebenso geht ein großes DANKE an die Jungen und Mädchen, Männer und Frauen des DRK, die sich realitätsnah geschminkt hatten, und die, die uns noch zu später Stunde verpflegt haben.
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